Rettung von Drüben

Fast blind unter dem feuchten Schleier seiner Augen ging er heim. Weinen konnte er nicht, die Augen behielten jede Träne, so als wären sie zu kostbar um einfach auszufließen. Allein wollte er heim gehen, nein, Tobias sein Sohn sollte nicht mitkommen. In dem Freiraum der Einsamkeit wollte er allein versinken. Er war ohnehin gestorben, gestorben mit ihr, die versehentlich vom tödlichen Schuss des Bankräubers getroffen wurde. Sie war versehentlich zur falschen Zeit am falschen Ort. Sie die doch sein Leben, sein Atem, sein Herzschlag war. Ohne sie war er nichts, nicht lebensfähig. Nun ruhte sie in der kühlen Erde, mit dem Kuss auf der letzten roten Rose, die er ins Grab warf und die nun niemand mehr sah. Zugedeckt mit Erde, als könne man verdecken oder vergessen was einmal lebte.

Zitternd versuchte er den Schlüssel ins Schlüsselloch zu bringen und die Tür zu seiner Wohnung zu öffnen. Leise schloss er sie hinter sich, fast so als schließe er die Außenwelt vor sich ab. Er hängte seine Jacke an die Garderobe und ging zum Kühlschrank. Ach nein, die letzte Flasche Bier war längst getrunken und auch sonst gab der Kühlschrank nichts mehr her. Essen wozu, er verspürte ohnehin keinen Hunger mehr. Nur zu ihr wollte er, in die Welt in der sie jetzt lebte. Er griff zum Medizinschrank und nahm das Röhrchen Schlaftabletten, nahm den Zahnbecher, füllte ihn mit Wasser schluckte eine Tablette, zwei, drei; - dann gab es ihm einen Ruck und er sah sie im Spiegel hinter sich stehen. „Tu‘s nicht“, schien sie zu sagen, „ich bin doch bei dir“. Das Röhrchen in seiner Hand war leer, alle Tabletten waren in den Ausguss gefallen. Einen kurzen Moment hat sie sich ihm gezeigt, dieser Schreckmoment hat ihm das Leben gerettet. Er sackte zusammen. Reglos lag er da, als Tobias, zutiefst beunruhigt, in die Wohnung seines Vaters drang. Von weit her vernahm er das Martinshorn, das immer näher in sein Bewusstsein drang und spürte die Druckmanschette an seinem Arm.

 

Rita Keller

 

 

Am Rosenbusch


Die Sonne lacht so selten in den letzten Tagen und so machte ich mich auf in die Natur.
Die Natur kühlt Ärger und Frust, der Kopf wird wieder klarer und schon bald zeichnet sich wieder mein leichtes Lächeln auf meinem Mund ab. Mein Weg führt mich an der Seite des Kanals entlang. Links schaue ich aufs Wasser rechts sind noch Reste einer schon längst vergangenen Gartenschau zu sehen. Ich bin zufrieden mit Gott und der Welt. Langsam aber werden meine Beine müde, sie verlangen nach einer Pause. Auf einer Bank ruhe ich ein wenig aus. Hinter mir ist ein wunderschöner Rosenbusch, nur ganz zarter Duft dringt in meine Nase. Ich wende mich und setze mich verkehrt herum, auf die aus einem halben Baumstamm bestehende Sitzgelegenheit. Wie schön doch dieser Busch mit seinen unzählig. vielen, kleinen Röschen anzuschauen ist. Ich gerate ins Träumen und stelle mir vor, wie der Vater-Mutterbusch all seine vielen, kleinen Blütenkinder mit Nahrung versorgen muss. Wie er mit seinen Wurzeln aus der Tiefe das Wasser herauf saugt und seine dichte Verzweigung damit versorgt. Durch den Sonneneinfall wird das Wasser in Zucker umgewandelt und so werden die Knospen mit starker Energie versorgt. Dadurch darf ich mich an ein Bild von tausend und abertausend feinen zartrosa Blüten erfreuen.
In mir spielt die Erinnerung ein Lied, welches damals Karel Gott so berühmt gemacht hat.
„ Und diese Biene die ich meine, nennt sich Maya, kleine, freche, schlaue Biene Maya, Maya fliegt durch unsre Welt, zeigt uns das was ihr gefällt…“
Und tatsächlich fliegen ein paar Bienchen um diesen Busch, naschen von dem sicherlich süßen Nektar und zeigen mir so, wie zuckersüß das Leben ist, oder besser gesagt, sein kann, wenn alle in Frieden nebeneinander leben.
Die Natur versteht es in Frieden zu leben, der Mensch hingegen scheint unbelehrbar.

Rita Keller 10 .06 17

 

 

Als ich den Wolf gesehen habe

Weites Land, große Felder und dichte Wälder. Die wenigen Bauern wohnten ziemlich weit auseinander. Meine Erinnerung geht über drei Höfe nicht hinaus. Auf einem dieser Höfe war meine Mutter mit mir evakuiert. Die Gastgeber waren sehr liebe Leute sie mochten mich kleines zwei- bis dreijähriges Mädchen sehr gern und taten für mich was immer sie konnten.
Schräg gegenüber, aber näher in Richtung Tal, war ein weiterer kleinerer Hof. Hier gab es einen großen Hund, Leo hieß er, aber er war immer im Zwinger, dabei hätte ich doch gerne ein bisschen mit ihm gespielt. Er knurrte mich auch niemals an, wenn ich rüber kam und ihm etwas erzählte, doch wenn er Soldaten sah dann bellte er ganz laut, die mochte er nämlich gar nicht leiden. Vielleicht hatte Leo ja genau solche Angst wie ich, vor den Männern, die immer so ein großes Schießgewehr mit sich rumtrugen.
Weit und breit gab es hier keine Kinder, nur ganz weit hinten war noch ein Kotten auf dem Marianne wohnte, aber die war schon viel größer als ich, aber hatte eine sehr schöne, aber kranke Hornpuppe, denn die hatte keine Beine mehr. Manchmal wenn ich ganz vorsichtig war durfte ich die Puppe mal auf den Arm nehmen, dann war ich sehr glücklich, ich hatte ja keine Hornpuppe, ich hatte nur meine Trulla aus Stoff.
Ich lernte hier viele Tiere kennen, unsere Gastgeber hatten Gänse, Hühner Kaninchen und auch Schweine. Die Bäuerin erzählte mir, dass aus dem Wald manchmal der Fuchs kommt und dann stiehlt er sich ein Huhn aus dem Stall. Dafür seien die Gänse auf dem Hof, denn die würden dann Angst bekommen und ganz laut schnattern damit der Fuchs wieder weg rennt.
Aber eines Morgens als ich gerade aufgestanden war und aus dem Küchenfenster schaute, bekam ich einen großen Schreck und ich schrie ganz laut: „ Der Fuchs ist im Hühnerstall, guck mal der Fuchs ist da drin. Die Hühner waren alle ganz aufgeregt, aber der Fuchs hatte schon eins erwischt und ist mit ihm in den Wald geflohen. Durch das aufgeregte Gegacker der Hühner war die Bäuerin schon auf dem Weg zum Hühnerstall, aber sie war leider nicht schnell genug. Die Gänse haben wohl verschlafen und kein Warnsignal gegeben.
Ja mein Leben mit Tieren auf diesem Bauernhof war sehr interessant. Abends bevor Mutti mich ins Bett legte, erzählte sie mir immer ein Märchen. Für mich waren alle Märchen Wirklichkeit und Mutti konnte sehr viele erzählen.
So erzählte sie mir eines Abends die Geschichte von Rotkäppchen und dem bösen Wolf. Besorgt um das kleine Mädchen Rotkäppchen schlief ich dann ein.
Am nächsten Tag, Mutti hatte ja bei der Bäuerin zu helfen und nicht immer Zeit für mich, ging ich den kleinen Weg hinan der zum Wald führte. Ich hatte ja schon so viel gelernt, was es alles so in dieser schönen Gegend gibt. Bis zum Wald durfte ich ja auch gehen, nur in den Wald hinein sollte ich nicht ohne meine Mutti gehen. So pflückte ich die leckeren Walderdbeeren und aß eine nach der anderen. Schritt für Schritt kam ich dem Wald näher. Doch auf einmal blickte ich in die dunkle Waldschneise und ich erschrak, das waren doch Augen und, diese Augen gehörten zu einem Tier, einem bösen Tier des Waldes, das war der Wolf von Rotkäppchen. Ich rannte zurück zum Hof, so schnell ich konnte, mich sollte der Wolf nicht fressen.
Ganz schnalle machte ich so stark wie ich Dötzchen ja nun mal war, das große Scheunentor hinter mir zu, damit mich der Wolf nicht kriegen kann.
Als ich gefragt wurde warum ich denn die Scheune zumachte, flehte ich, dass man es zu lassen soll, denn der Wolf war da und er würde mich bestimmt fressen wenn das Tor auf wäre.
Mit sehr viel Mühe wurde auf mich eingeredet dass da kein Wolf gewesen sein kann und man würde schon auf mich aufpassen, aber das Scheunentor müsse leider wieder aufgemacht werden.
Die Erwachsenen, nie glauben sie einem, wenn man etwas gesehen hat und ich war überzeugt den Wolf gesehen zu haben.

(Anmerkung: ich bin heute auch überzeugt, dass da meine Phantasie mir den Wolf gezeigt hat, aber da ich noch Erinnerung daran habe, kann ich auch sagen, ich habe wirklich etwas gesehen. Die kindliche Vorstellungskraft ist also so groß, dass auch imaginäre Wesen tatsächlich sichtbare Form annehmen können)

Rita Keller 

 

 

Zahnschmerzen

Karin erwachte mit fürchterlichen Zahnschmerzen. Warum gerade heute?
Es war Mittwoch und sie war mit Hannelore verabredet, worauf sie sich so sehr freute.
Hannelore war eine recht spirituell denkende Person, Karin eher weniger. Es gab zwar einiges was Karin interessant fand. Sie ließ sich auch gern etwas von Hannelore erzählen, aber vieles mochte sie für sich selbst nicht annehmen dafür war Karin doch zu realistisch.
Heute wollten sie zum Fluss fahren und Hannelore wollte ihre Trommel mitnehmen. Darauf freute sich Karin, denn beim Klang der Trommel konnte sie immer so wunderbar entspannen. Sie liebte diesen warmen dunklen Trommelklang.
Warum nur hatte sie heute diese heftigen Zahnschmerzen? Außerdem sind am Mittwoch die Praxen ja eh geschlossen.
Karin entschied sich erst einmal für ein paar Schmerztropfen, die würden die Schmerzen vielleicht ein bisschen lindern.
Als Karin und Hannelore sich trafen, erzählte sie ihrer Freundin von ihrem Schmerzen und entschuldigte sich gleichzeitig dass sie heute mal nicht so gut aufgelegt sein.
Hannelore sagte zu ihr: „Du kannst ja, wenn wir am Fluss sind, ganz einfach mal versuchen aus dem Kosmos heilende Energie aufzunehmen. Stell dir dabei vor dass du mit deinem Kopf Energie aufnimmst und denke dir dass diese Energie durch deine Zähne fließt, die Schmerzen mit nimmt, und lass alles durch deine Füße in den Boden fließen, von dort soll es in den Fluss übergehen, der die Schmerzen dann mit sich fortnimmt und auflöst.
Karin hörte sich die Ratschläge an, reagierte aber nicht darauf.
so saßen sie nun beide am Flussufer,und Hannelore fragte, ob sie denn trotzdem trommeln soll, oder ob es Karin lieber sei wenn man es heut sein ließe.
„Doch, doch,“ sagte Karin: „ ich mag ja das Trommeln, nur ob ich heute so intensiv dabei entspannen kann wie sonst, das glaube ich weniger.“
So begann Hannelore langsam zu trommeln und sie trommelte und trommelte und schon bald schien es als erfolge jeder Trommelschlag ganz automatisch.
Es verging sicher mehr als eine halbe Stunde während Hannelore und Karin sich dem Trommelklang hingaben, bis Hannelore den Rythmus verlangsamte und das Trommelspiel beendete. Beide schwiegen noch einen kurzen Moment dann erhob Karin das Wort; „Weißt du was, das war vielleicht komisch, ich habe die Augen geschlossen und dir zugehört. Dabei habe ich mir dann vorgestellt wie du es gesagt hast, dass ich Energie über meinem Kopf aufnehme und es zu den Zähnen und dann durch die Füße und in die Erde fließen lasse.
Dann war mir plötzlich so, ich kann es gar nicht wirklich erklären, aber ich befand mich in einem langen Gang, dort waren viele geschlossene Fenster und Türen, eine mir fremde Frau mit langen Haaren öffnete all diese Fenster und Türen für mich. Das tat mir irgendwie gut, und ich dachte dabei, hoffentlich hört Hannelore jetzt nicht auf zu trommeln. Ich folgte dieser Frau und wir kamen an das Ende des Ganges und dort öffnete die Frau eine große Terassentür, dann hörtest du plötzlich auf zu trommeln. Das war genau am Ende des Ganges als hätten wir uns abgesprochen nun kannst du aufhören.“
Karin hielt einen Moment inne und beendete ihre Erzählung mit den Worten:
„Meine Zahnschmerzen sind ganz weg. Ich hatte gerade ganz kurz einen Moment so einen eitrigen Geschmack. Aber ich spüre nichts mehr, ich habe keine Zahnschmerzen mehr.“
Hannelore lächelte nur und sagt: „ Du hattest eine Vision. Vielleicht wurde dir etwas geöffnet wodurch du deine Schmerzen wegschicken konntest.“
Karin war sprachlos aber dankbar dass sie die Schmerzen los war.
Am nächsten Tag rief Hannelore bei Karin an und fragte: „Wie geht es dir heute?“
Worauf Karin nur antwortete. Ich denke immer noch über Gestern nach, es ist unglaublich, aber ich habe keine Zahnschmerzen mehr:“
© 2006 Rita Keller

Ein Wunsch, ein Ziel

So viele Jahre sind vergangen, aber der Wunsch war immer in Elsbeth. Einmal wieder hinauf auf den Kreuzberg wandern, einmal wieder über die Täler schauen und den Wind der Freiheit durchs Haar wehen lassen. In früheren Jahren war es immer ein selbst gesetztes Muss. Dieser Berg wollte erklommen sein.
Nun war es wieder soweit. Sind auch inzwischen viele Jahr vergangen. Elsbeth hatte ihre Kinder großgezogen, die nun längst erwachsen und ausgezogen waren. Doch dieser Wunsch blieb ihr all die Jahre treu. Einmal noch hoch hinauf auf den geliebten Berg. Noch am Fuß des Berges sah sie schon die Veränderungen, die die Jahre mit sich brachten. Es waren mehr Höfe vorhanden als früher und es waren viel mehr Rinder auf den Weiden. Sie war sich nicht ganz sicher, aber es schien, es gab auch mehr Pfade, die zum Gipfel führten. Aber das war Elsbeth nun ziemlich egal, sie wollte nur hinauf. Die Erinnerung an die jugendlichen Wanderschritte trieben sie an.
Fast alle Höfe lagen nun schon hinter ihr, die Landschaft wurde freier und sie spürte schon ein wenig Ermüdung. Das war doch damals wesentlich leichter gewesen, hinzu kam auch, dass sie weite Wanderwege kaum noch geübt war und ein paar Jährchen älter war sie nun ja auch. Aber aufgeben? Nein das kam ja nun gar nicht infrage, so lange hat sie sich danach gesehnt, einmal noch vom Kreuzberg hinab ins Tal zu schauen, nun musste sie auch durchhalten. Wie weit mochte es nun noch sein? Elsbeth konnte es nicht abschätzen, eine Stunde noch, oder vielleicht doch noch mehr?
Wie mag es jetzt oben auf dem Gipfel aussehen, ob sich auch da viel verändert hat? Sie machte eine kleine Rast und setze sich ins Gras, nahm die Wasserflasche aus dem Rucksack und ein Butterbrot um sich zu stärken. Die Sonne war heute recht freundlich, nicht zu heiß, aber angenehm warm. Von Weitem hörte sie die Kühe muhen und es klang für sie wie ein Lied aus vergangenen Zeiten.
Nach dieser Rast und körperlichen Stärkung erhob sie sich und weiter ging es Schritt für Schritt hinauf. Bilder von damals liefen wie ein Film in ihrem Kopf ab und die Zeit war nur noch Nebensache. Sie dachte an die Bank, auf der sie damals mit Freunden gesessen hatte, auf der sie gelacht und Scherze gemacht hatten. Es waren wunderschöne Erinnerungen. Ob die Bank immer noch da war? Sicher nicht, sie war ganz bestimmt schon verwittert.
In all den Erinnerungen versunken, hat sie die Zeit nicht mehr wahrgenommen, und stand vor dieser Bank. Nein, es war nicht die Bank von damals, aber sie war genau an der gleichen Stelle. Welche Freude, sie war oben angekommen, hat es geschafft, ein-mal noch auf ihren geliebten Berg zu wandern. Ihr Herz klopfte heftig, als sie sich setz-te, das Gipfelkreuz nicht weit von ihr im Rücken. War es vor Anstrengung, oder war es die Freude? Nach einem Schluck Wasser aus ihrer Trinkflasche legte sie sich auf die Bank und schloss für eine Weile die Augen.
Es war eine gewaltige Leistung, die sie hinter sich hatte, und auch ein wenig unver-nünftig, in ungeübtem Zustand so hoch hinauf in die Berge zu wandern. Aber sie war am Ziel und allein das zählte für Elsbeth.

 Rita Keller

 

 

Vision, Traum oder Einbildung?

Elisabeth genoss das angenehm warme Wasser unter ihrer Morgendusche.
Plötzlich hielt sie inne, als sie um ihre Brüste strich, „Was ist das? Die linke Seite fühlte sich anders an als die Rechte“ Sie testete und verglich beide Brüste miteinander. Nein, so waren sie nicht immer, links war etwas Festes, etwas Hartes zu spüren. Ein Knoten?
Ihre Gedanken ließen sie nicht los, bis sie schließlich zu ihrem Mann sagte: „Ich werde mir einen Termin beim Gynäkologen holen.“ Auf sein Frage: „warum so plötzlich“, rückte sie mit der Sprache raus und sagte dass sie etwas an der Brust gefühlt habe und es nun lieber abklären lassen wollte.
Sie bekam schnell einen Termin und konnte schon am nächsten Tag zur Untersuchung kommen. Bei der Untersuchung merkte sie, wie der Arzt beim Abtasten der Brust unzufrieden wirkte. Er bestätigte den Knoten zu fühlen, und wunderte sich, denn im vergangenen Jahr war noch alles in bester Ordnung. Er fragte sicherheitshalber noch einmal :
„ aber es liegt doch in ihrer Familie kein Brustkrebs?“ „Nein“ konnte Elisabeth nur bestätigen.
„ Nun, um sicher zu gehen möchte ich, dass sie jetzt sofort zum Radiologen gehen, wir brauchen eine Mammografie, es sieht nicht gut aus.“
Elisabeth wurde langsam, aber sicher ängstlich. Sie wurde telefonisch beim Radiologen angemeldet, und sie beeilte sich, es war ja nicht weit. Ihre Beine begannen zu zittern, sie bekam Panik.
Gedanklich rief sie Erzengel Raphael: „ Bitte schütze mich, bitte nimm mir die Angst, wenn ich das durchstehen muss, dann hilf mir und gib mir die nötige Kraft“.
Als sie beim Radiologen ankam war sie vor Angst schon recht verschwitzt, was ihr sehr peinlich war. Es ging alles recht zügig, der Radiologe besprach anschließend die Aufnahmen noch mit ihr und gebrauchte die gefürchteten Worte: „ Es sieht krebsverdächtig aus.“
Zurück beim Gynäkologen wurde sie aufgefordert: „Gehen sie gleich Morgen Früh ins Krankenhaus, es muss eine Biopsie gemacht werden, am Besten nehmen sie schon gleich einige Sachen mit, ich gebe Ihnen die Überweisung und auch gleich die Einweisung, man wird operieren müssen.
So ging alles ganz schnell, am folgenden Tag war sie zur Biopsie im Krankenhaus. Verständlicherweise waren Ihre Ängste groß und wieder wendete sich an die Engel, besonders an Erzengel Raphael, dem Engel der Heilung.
Sie betete: „ was immer auch geschieht, ich bin bereit es zu tragen, aber bitte mindere meine Angst“.
Der Arzt der die Biopsie machte, tröstete sie: „Sie werden nicht viel spüren, es wird ja betäubt.“
So lag Elisabeth dann auf der Behandlungsliege, ein Tuch war vor Ihr ausgebreitet, sie konnte nicht auf Ihre Brust sehen und dennoch drehte sie den Kopf zur Seite. Es kam ihr in Ihrer Panik unendlich vor bis sie sich wieder aufrichten und ankleiden durfte. Ihr wurde erklärt dass man die Gewebeprobe einschicken würde und Morgen früh wäre das Ergebnis schon da.
Sie solle Morgen zur Einweisung kommen. Dann würden alle Voruntersuchungen gemacht und am Tag darauf würde operiert. Wieder fielen die Worte: „ Es sieht krebsverdächtig aus.“
Sie durfte noch einmal heim, eine Nacht noch zu Hause schlafen.
Die Aufnahme am nächsten Tag war eine reine Odyssee, rauf und runter zu allen Etagen, einmal diese, einmal jene Untersuchung. Es war schon relativ spät am Nachmittag als sie dann endlich ihr Zimmer zugewiesen bekam. Der Stationsarzt kam und erklärte ihr die Operation. Der Knoten würde etwas großräumig entfernt per Schnellschnitt eingeschickt und untersucht werden. per Telefon käme dann die Nachricht ob es gut oder bösartig sei.
Elisabeth würde während dessen etwa fünfundvierzig Minuten auf dem Operationstisch liegen bleiben. Falls es gutartig sei, würde dann zugenäht und die Operation sei vorbei. Sollte es Krebs sein, würde auch noch ein Achselschnitt gemacht und die Achseldrüse entfernt werden, denn dort sammeln sich die Krebszellen zuerst. Wenn sie also aufwache, könne sie selbst unter ihren Arm erfühlen ob es gut oder böse war.
Man würde es ihr aber auch sofort sagen, sobald sie wach sei.
Am folgenden Morgen war sie die Erste die operiert wurde.
Sie war medikamentös ruhig gestellt und ließ sich auch ganz angstfrei in den Operationssaal fahren.
Die Operation war gut verlaufen, Elisabeth war auf ihrem Zimmer recht schnell wieder wach, und bekam die erlösende Nachricht: „kein Krebs“.
Es ging ihr gut, auch ihr Kreislauf machte keine Schwierigkeiten. Wie bei solchen Operationen üblich hatte sie einen Schlauch in der Wunde, damit Wundsekret ablaufen konnte. Der Schlauch wurde schon nach zwei Tagen entfernt und am fünften Tag durfte sie das Krankenhaus schon verlassen.
Nach acht Tagen wurden ambulant die Fäden gezogen.
Es sah alles ganz prima aus.
Aber dann kam es anders, schon am nächsten Tag wurde die Brust heiß und rot.
Es war Wochenende, die Brust wurde heißer und roter und fühlte sich gespannt an.
Durch das ständige Tragen eines festen BH`s blieb das Spannungsgefühl erträglich, nur die Hitze und die Röte nahm kontinuierlich zu.
Elisabeth wendete sich in ihren Gebeten immer wieder an Erzengel Raphael und bat um Heilung.
Es bleib nicht aus dass die Angst wieder kam. Gleich Montag früh ging sie zum Arzt.
Die Brust war heftig entzündet, was nun?
Elisabeth hatte eine Antibiotika Allergie, Schwierigkeiten waren vorprogrammiert.
Eine Salbe wurde verschrieben und: „kühlen, kühlen, kühlen“, wurde ihr gesagt.
Sie kühlte so gut sie konnte, doch es wurde schlimmer und schlimmer.
Jeden zweiten Tag war sie beim Arzt.
„Aber es kommt nichts raus?“ war seine Frage.
„Nein,“ konnte Elisabeth nur antworten, sie dachte: „Wie denn? Es ist doch alles zu.“ Das nächste Mal sagte sie „Nun kann ich schon Spiegeleier auf meiner Brust braten, es wird heißer und heißer, kann man denn gar nichts machen? Die Brust glüht ja richtig.“
„Leider nein,“ sagte der Arzt zu ihr, „sie wissen ja, sie können kein Antibiotika nehmen. Aber wir halten es unter Kontrolle, nur am Mittwoch bin ich nicht da.“ So ging Elisabeth wieder heim.
Mittwoch Morgen !!!
Elisabeth erwachte und als sie die Augen öffnete erschrak sie heftig, sie hatte zwar keine Schmerzen, doch alles war verschmiert, sie lag in einem schmutzig farbigen Blut-Eitergemisch.
Die Brustnarbe war geplatzt. Panik stieg wieder in ihr hoch, was war das nun?
Ekelhaft sah das verschmierte Bett aus.
Sie erhob sich, ging zu Ihrem Mann der schon aufgestanden war.
Er hatte es nicht gesehen, denn er wollte sie nicht wecken und hatte sich leise aus dem Zimmer geschlichen.
Als er nun Elisabeth und das Bett sah, zeigte er nicht wie sehr auch er geschockt war und Angst hatte.
Sie wusch sich so gut sie konnte, legte sich einige Mullkompressen vor die Brust frühstückte ein wenig und rief im Krankenhaus an. Ihr wurde gesagt, sie solle sofort ohne Verzögerung als Notfall auf die Station kommen.
Sie ahnte nicht dass sie dort bleiben musste und glaubte man könne irgend etwas tun, dann könne sie wieder heim. Doch dem war leider nicht so.
Sie wurde ins Behandlungszimmer gebracht und Ihr Mann wurde aufgefordert schon einmal die Anmeldetätigkeiten zu verrichten.
„Muss ich denn hier bleiben?“ fragte sie ganz ungläubig.
„Ja, wir müssen die Wunde mindestens zweimal am Tag ausspülen,“ wurde ihr geantwortet.
Unsicher ließ sie mit sich geschehen, was getan werden musste. Mit einem Jodgemisch wurde die Wunde ausgespült, aber es tat nicht weh.
So war Elisabeth also wieder im Krankenhaus.
Es wurde nichts weiter gemacht nur gespült, zunächst zweimal am Tag.
Nach zwei Tagen hatte Elisabeth in der Nacht eine Vision.
Sie war wach und doch nicht wirklich wach und sah plötzlich sich selbst auf dem Operationstisch liegen, sie war mit grünen Tüchern abgedeckt, über ihrer Brust war ein Gestell, aber auch das war abgedeckt durch Tücher.
Plötzlich war ihr Blick unter dem Tuch, sie sah die offene Wunde, diese war geklammert,
und sie sah wie eine Fliege über ihre Haut krabbelte, die dann in der Wunde verschwand.
Dann war diese Vision vorbei. Elisabeth dachte in den nächsten Tagen nicht weiter darüber nach. Irgendwann aber wurde sie von Ihrem Besuch gefragt: „Wie kann sich denn so etwas entzünden?“
Da wurde ihr die Vision wieder bewusst, oder war es ein Traum?
Was war es wirklich? Wenn so etwas wirklich geschehen wäre, dann könnte es eine Erklärung für diese Entzündung sein. Als das erlösende Gutachten kam, der Knoten ist gutartig, wurde ja nur noch zugenäht. Elisabeth wusste nicht was diese Vision oder der Traum bedeuten sollte. Oder war es ein Hinweis Ihrer Engel?
Der Aufenthalt im Krankenhaus dauerte nun genau 14 Tage, In den letzten drei Tagen wurde dann nicht mehr gespült, es wurde statt dessen eine Salbe zum Heilen in die Wunde gespritzt.
Genäht wurde nichts mehr, die Wunde musste allein von innen heraus zuheilen.
Nach der Entlassung blieb Elisabeth weiter in ambulanter Behandlung um die Wunde beobachten zu lassen. Nun war es sogar möglich ein Antibiotika zu nehmen, gegen dass sie nicht allergisch reagierte.
Nun ging es, warum nicht früher?
Auf den Kompressen die Elisabeth sich immer vorlegte zeigte sich immer weniger Wundsekret, es begann zu heilen.
Nach einigen Tagen schaute aus der Wunde ein winziger kleiner gelblich weißer Zipfel heraus. Elisabeth versuchte ob sie ihn zu fassen bekam und wollte ihn heraus ziehen, doch ihre Angst etwas falsch zu machen war größer. Sie zeigt es auch ihrem Mann und bat er möge versuchen das „Ding“ heraus zu ziehen . Doch Elisabeth zuckte immer ängstlich zurück, also musste sie es so lassen. Wieder ging sie zum Arzt und wieder diese riesige Angst, die sie einfach nicht in den Griff bekam.
Das sagte sie auch als sie die Praxis betrat, und wurde sofort ins Sprechzimmer gerufen.
Als der Arzt sich die Brust ansehen wollte, nahm Elisabeth die Kompresse von der Brust, und...
in der Kompresse lag das kleine Angst auslösende Ding. Es hat sich doch allein aus der Wunde herausgedrückt. Wie eine Raupenpuppe sah es aus, nur kleiner. „puuuh jetzt ist es raus,“ sagte Elisabeth erlöst und ein wenig schämte sie sich ihrer Angst..
„Das war wohl noch ein entzündeter Faden,“ sagte der Arzt. „ nun wird es heilen, aber ein bisschen Geduld müssen sie noch haben.“
Ja, nun hatte sie Geduld, irgendwie wusste sie, dass es nun endgültig besser werden sollte.
Sie wusste auch dass Erzengel Raphael ihr immer beigestanden hatte. Er hat alles wieder zum Guten geführt.

© 2006 Rita Keller

 

 

Brief an den Baum

Mein lieber Freund Baum, darf ich Dich so nennen, „Mein“? -
Nein „mein“ bist du sicher nicht, du bist für so viele, für Mensch und Tier und sogar für den Wind da. Als Schutz für Menschen und Tiere denen du Schatten spendest wenn die Sonne es gar zu gut meint, oder als Schirm wenn der Regen sich zu heftig ausweint, für den Wind wenn er spielen will und dich ein bisschen hin und her schaukelt.
Aber du bist auch mein Vertrauter, mein guter und auch mein bester Freund, alles kann ich dir anvertrauen, du verstehst mich, und du baust mich wieder auf und gibt’s mir immer wieder neue Kraft.
Lange war ich nicht bei dir, bis auf letzten Mittwoch, an dem ich so tief traurig war, dem Tag an dem meine Seele nur ein dunkler Schatten war. Ich weiß ich habe dich lange nicht besucht, längst schon wäre es fällig gewesen zu dir zu kommen, zu dir mein Freund. Doch vieles hat mich abgehalten, Hetze, Stress und tausend andere Dinge denen wir Menschen so nachlaufen, die wir für wichtig halten und die uns doch letztendlich dazu führen in diese Stimmung zu rutschen in der ich neulich zu dir kam. Diese tiefe Traurigkeit die entstanden ist aus all der Hetze, dem Ärger und der Rast- und Ruhelosigkeit in der wir Menschen glauben das Glück für uns zu finden. So voll beladen mit dem Schatten der Traurigkeit kam ich zu dir, und als ich dich umarmte spürte ich, auch du warst traurig. Oh ja ich habe es gelernt, dass auch du Gefühle hast und ich konnte es schon ein bisschen spüren. Nicht nur meine Augen waren tränengetrübt, auch deine Seelenaugen weinten. Weinten sie vor Freude, dass ich wieder da war, oder weinten sie weil ich so lange auf mich warten ließ? Oh ja mein Freund, „mein“ Baum, ich habe sie auch gefühlt deine Traurigkeit, als ich dich umarmte. Aber nun war ich gekommen und ich blieb eine längere Zeit bei dir. Ich hatte mir ja meinen kleinen Campinghocker mit gebracht um mich zu dir zu setzen. Wie gewohnt hatte ich meine Räucherstäbchen und natürlich den Opferreis mit gebracht, meine Ritualien wie ich sie nenne, mit denen ich ja immer zu dir kam, und die du ja schon kanntest. Mit diesen Ritualen die ich den Schamanen abgeschaut habe, verbanden wir beide, du mein Freund Baum und ich, unsere Energie und schickten unsere Bitten und Wünsche ins Universum.
Meinen Hocker mit der Schaumgummisitzauflage hatte ich schon an deinem Fuß abgestellt. Ich zündete die Räucherstäbchen an und nahm wie immer eines in jede Hand, ich umarmte dich und legte meine Wange an deinen starken Stamm. Ich klagte dir gedanklich mein Leid über die Lieblosigkeit unter uns Menschen und die Gründe meiner Traurigkeit, und ich wusste du hattest mich wie immer verstanden. Ich fühlte du wolltest mir sagen, du empfindest genau so, du hattest auf mich gewartet und du warst traurig dass ich so menschlich-lieblos war und dich so lange nicht besuchte. Unsere Energien verschmolzen und mit dem Rauch der Stäbchen schickten wir sie in den Kosmos. Wir waren wieder einmal vereint.
Ich ließ meine Traurigkeit, meine Schatten über mein Kronen-Chakra hinausströmen, und du über deine noch vor-frühlingshaften knospen- und blattlosen Zweige nach oben in das unendliche Universum. Wie lange wir so aneinander gelehnt unsere Energien verbanden konnte ich gar nicht sagen, ich fühlte mich fernab von Zeit und Raum, fast wie in Trance. Meine Stimmung wurde spürbar besser und ich wusste dass ich das dir zu verdanken hatte, denn Du gabst mir wieder die Kraft, die universelle Liebe nahm wieder ihren Einzug in meine Seele, die Liebe die so bedingungslos, nie fordernd sondern immer gebend ist, sie erfüllte uns beide. Es war einfach wunderbar mit meiner Wange an deinem rindengenarbten Stamm zu lehnen. Ganz allmählich löste ich meine Umarmung, aber immer noch verband uns die alles umfassende Liebe. Die Räucherstäbchen waren bis zur Hälfte schon verglüht. Vorsichtig steckte ich sie in die Erde und nahm nun meinen Opferreis und begann mein gewohntes Mantra zu singen. „om-mani-padme-hum“
Die Melodie erfand ich dazu immer neu, es gab keine Richtlinie, es kam einfach aus dem Gefühl. Ein bisschen dachte ich, dass auch du mein Freund Baum geschmunzelt hattest, wenn ich einen falschen Ton dazwischen brachte. Leichtfüßig, fast tänzelnd ging ich im Uhrzeigersinn um Dich herum, wir beide wissen es ja, so verstärken wir unsere positiven Energien, so erhöhen wir die Kraft. Den Reis streute ich wie immer an deine Wurzeln als Opfergaben an die Naturwesen,
damit auch sie uns, oder vielleicht besonders mir Menschenwesen gut und freundlich gesinnt sein mögen. Ach es war wieder so schön bei dir als ich Dich umarmte, mein Freund, mein Baum , wir beide
allein, denn in der gesamten Zeit in der ich bei dir war, kam niemand anders hier vorbei. So wie es immer war wenn ich dich besuchte, und wie wir es schon kannten.
Nun setzte ich mich ein wenig auf meinen kleinen Campinghocker zu deinen starken Wurzelfüßen die nahe des Stammes knorrig aus der Erde ragten. Ich saß eingebettet in zwei Wurzeladern, und erzählte dir gedanklich vom kommenden Frühling, in dem Deine Knospen erneut sprießen, und du neue Blätter bildest wirst die ja dann den schönen Schatten im Sommer spenden und den Schirm vor dem Regen bilden. Von der Zeit der Erneuerung die nun gekommen ist, und neues Wachstum, neue Energie, neue Kraft bringen wird, ich erzählte davon dass die kalte Winterzeit vorbei ist , und neue Wärme, Herzenswärme, Liebe uns ausfüllen wird. Die Räucherstäbchen waren nun vollkommen verglüht, und ich nahm den Hocker und ging genau so wie du mein Freund Baum es ja schon von mir kanntest, an den wenige Meter von deinen Füßen entfernten vorbei fließenden Fluss. Immer noch eingebunden in deine liebevolle Energie lief ich über den laubgepolsterten Waldboden zum Ufer des Flusses. Hier hatte ich meinen Hocker wieder abgestellt. Als mein Blick auf die vom Sonnenlicht blinkende Wasseroberfläche des recht schnell fließenden Flusses fiel, war mir als sähe ich viele tanzende Wasserwesen. Sie tanzten und hoben sich wie Spiralen von der Wasseroberfläche ab, sie trennten und vereinten sich wieder, sie schwebten und sie sanken wieder, das Rauschen des Wassers war wie ein Gesang dieser Wesen. Die Traurigkeit war von mir vollkommen gewichen und in mir war pure Freude. Oh wie wunderbar war es, die Energie und Liebe mit der Natur auszutauschen.
Ich begrüßte gedanklich die Wesen des Wassers, waren es vielleicht auch die Nagas wie sie die Schamanen kennen? Ebenso wie ich es bei dir tat mein lieber Freund Baum, zündete ich auch hier wieder Räucherstäbchen an. Aber hier da es näher am Wasser ist und etwas freier, waren es vier Stäbchen die ich anzündete. Ich begrüßte damit die vier Himmelsrichtungen und zog einen Kreis im Uhrzeigersinn um mich herum.
Ich grüßte den Osten, ich grüßte den Süden, ich grüßte den Westen, ich grüßte den Norden, für jede Himmelsrichtung steckte ich ein Stäbchen in den feuchten und somit weichen Boden des Flussufers. Im Kreis um mich herum warf ich wieder etwas Opferreis, und auch in den Fluss warf ich eine große Hand voll Reis. Ich sang wieder mein Mantra „om-mani-padme-hum“ - ab und zu unterbrochen von der Bitte: „liebe gute Wasserwesen wascht mich frei von Krankheit, Leid und Sorgen.
Nehmt es mit zur See ganz weit fort, hin zum fernen Norden“.
Anschließend setzte ich mich auf meinen Hocker und ließ mich in eine wohltuende Entspannung gleiten. Ich schloss meine Augen und sank tiefer und tiefer in diese angenehme Entspannung, in die Geborgenheit in mir selbst, eingebunden in die liebevolle Energie der Natur. Es dauerte nicht lange und ich war in einer leichten Trance. Bald schon hatte ich das Gefühl Schamanentrommeln zu hören, „bong-bong-bong“ die sich dem Rhythmus meines gedanklichen Mantren-Gesanges anpassten. Zunächst noch recht langsam, ein - zwei Schläge in der Sekunde, dann immer schneller werdend, vier Schläge in der Sekunde, dann vielleicht acht Schläge pro Sekunde. Meine gedanklicher Gesang folgte dem Rythmus der Trommeln, oder war es vielleicht umgekehrt? Folgten die Trommeln dem Rythmus meines Gesanges? Ich weiß es nun nicht mehr, jedoch der Klang wiederholte sich in monotoner Gleichmäßigkeit. „Bong-bong-bong“
In meiner Vorstellung erhob ich mich von meinem Sitz und begann zum Trommelklang zu tanzen. Ich tanzte einen schamanischen Krafttanz, ich tanzte hinein ich die geistigen Anderswelten. Dort begegnete ich vielen geistigen Wesen, bekämpfte die krankmachenden dunklen Schattenwesen, löste alles belastende, schattenhafte was mir anhaftete, und warf es in den Fluss, damit er es mit sich fortnimmt, und es der großen weiten See übergibt zur Transformation und Regeneration. In mir fühlte ich eine immer größer werdende Freiheit. Mir begegneten helle lichte Wesen, die mir ihre Schutzdienste anboten und die ich auch freudig annahm. Ich tanzte mit den wunderschönsten Wesenheiten, ich war einfach glücklich, so überglücklich. Wir alle waren Eins,
die Wesen, die Natur und ich, und die Wirklichkeit...... Wirklichkeit?
Bei dem Gedanken an die Wirklichkeit verlangsamte sich in meiner Vorstellung auch wieder der Trommelschlag, mein Tanz wurde langsamer, mein Gesang verstummte, die Trommel schwieg, ich kam zurück aus meiner Trance. Es war wunderschön, oh wie war ich glücklich, mit soviel bedingungsloser Liebe der Natur, verbunden mit allem was ist. Ich habe nicht auf die Uhr geschaut, ich wusste keine Zeit, keine Stunde, es war alles zeitlos abgelaufen. Die Räucherstäbchen waren abgebrannt, ich sah nur noch einen winzigen Rest der abgefallenen Asche.
Das alles, mein lieber Freund Baum habe ich das letzte Mal bei dir erlebt, es hat mich so wunderbar aufgebaut, gestärkt und so zufrieden gemacht, dass ich es dir einfach einmal schreiben musste mein Freund. Du weißt, ich werde in Kürze wieder zu dir kommen, und dann werde ich wieder zwischen zweien deiner knorrigen Wurzeladern meinen Hockern hinstellen und ich werde dir diesen Brief vorlesen. Mein Freund, mein Baum, ich bin so froh das es dich gibt.

2003 Rita Keller